Die Arbeit ist mein Leben

Durch ein Fenster fällt ein Sonnenstrahl ins Wohnzimmer des Pflegeheims. Eine alte Frau sitzt im Sessel und starrt mit reglosem Blick vor sich hin, ihre Hände zittern leicht. Tsedol Shartschoktsang beugt sich zu ihr hinunter und streicht ihr über die Hand. Ein kurzes strahlendes Lächeln huscht über das Gesicht der Frau. «Ich mag die Arbeit mit den dementen Leuten hier sehr gerne», sagt die Tibeterin.

Mit 20 ist die heute 30-Jährige aus politischen Gründen aus dem Tibet geflohen und über Umwege in die Schweiz gekommen. Ohne Ausbildung und schon gar nicht mit der deutschen Sprache im Gepäck. «Ich hatte keine Ahnung, was ich hier machen kann», sagt sie. Die ersten Jahre war sie als Asylsuchende zum Nichtstun verdonnert. Und zwar am Ende der Welt: In einem kleinen Asylzentrum auf der Marbach-Egg. Eine schwierige Zeit, die sie nicht vergessen wird. «Es war unglaublich kalt und einsam. Ich hatte manchmal Angst in den dunklen Bergen, in diesem alten Haus mit unbekannten Menschen», erzählt sie. Jetzt ist sie besser aufgehoben. Ein paar grosse Steinbrocken sind weggeräumt aus ihrem Weg: Sie hat über das SAH Zentralschweiz den Einstieg in den Pflegeberuf gefunden und schliesst demnächst die Ausbildung «Assistentin Gesundheit und Soziales» ab.

Nach Erhalt des Flüchtlingsstatus wurde Tsedol Shartschoktsang für die berufliche Integration von der Caritas Luzern ans SAH Zentralschweiz vermittelt. «Von da an ging alles etwas einfacher», erzählt sie. Als Erstes wurde sie in einen Intensivkurs Deutsch geschickt. «Ohne Sprachkenntnisse kann ich nicht arbeiten, das war klar», sagt die Tibeterin in gut verständlichem Deutsch. In den SAH Zentralschweiz- Beratungen seien mit ihr mögliche berufliche Ziele angeschaut worden und bald lag die Idee auf dem Tisch, dass sie in den Pflegeberuf einsteigen könnte. Sie besuchte einen halbjährigen Gesundheitskurs für Fremdsprachige beim Roten Kreuz und bestand die Abschlussprüfung. Normalerweise folgt daraufhin ein Pflegehelfer/-innen- Kurs, doch Tsedol Shartschoktsang wollte unbedingt schon arbeiten. Einerseits weil es ihr wichtig ist, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Anderseits sieht sie viel Sinn in ihrer Arbeit. «Die Arbeit ist mein Leben. Und ganz alleine daheim hocken und mit niemandem reden, ist überhaupt nicht gut. Das macht depressiv und traurig», sagt sie.

Im Frühjahr 2014 besuchte Tsedol Shartschoktsang den dreimonatigen SAH Bewerbungskurs. Das Gelernte setzte sie gleich um und schrieb viele Bewerbungen. Und siehe da: Es klappte! 2014 konnte Tsedol Shartschoktsang in einem privaten Alterszentrum schnuppern und erhielt den Zuschlag. Dort war man während der Praktikumszeit sehr zufrieden mit der freundlichen und fleissigen Frau, die einen guten Draht zu den dementen Menschen hat. Sie durfte bleiben. «Der Chef hat zu mir gesagt: Was ist Ihr Wunsch? Machen Sie doch eine Ausbildung!», erzählt Tsedol Shartschoktsang. Das wollte sie! Mit der Unterstützung durch das SAH Zentralschweiz hat sie diese Herausforderung angenommen und bereitete sich im Kurs SAH Vorbildung Berufsschule ein halbes Jahr vor, dann startete sie die zweijährige Ausbildung zur «Assistentin Gesundheit und Soziales EBA». Im Sommer 2017 wird sie den Abschluss in den Händen haben. Darauf ist sie stolz, denn dafür hat sie hart gekämpft. «Ich musste Gas geben! Parallel zur Arbeit mit unregelmässigen Zeiten die Schule machen und lernen – das ist sehr streng.» Dass sie während diesem Prozess vom SAH Zentralschweiz immer wieder Support erhalten hat, war für sie enorm hilfreich. «Ich weiss bis heute: Wenn ich Hilfe brauche, kann ich bei der zuständigen Sozialarbeiterin anrufen und sie ist für mich da.» Besonders wichtig sei diese Anlaufstelle für sie auch darum, weil sie in der Schweiz keine Familie und kaum Bekannte habe. «Die Sozialarbeiterin hat sich immer für mich als Person interessiert. Das hat mir gutgetan.»

Wie es nach ihrem Abschluss weitergeht, weiss sie noch nicht. «Mein Kopf ist jetzt voll mit Lernen, ich gehe Schritt für Schritt voran», sagt sie. Eines jedoch ist gewiss: Mit einer Ausbildung und einem Abschluss in der Tasche sieht die Zukunft in der Schweiz viel besser aus. Dass ihr das gelungen ist, habe viel mit der Unterstützung des SAH Zentralschweiz zu tun. «Ich wurde auf meinem Weg in den Arbeitsmarkt sorgfältig begleitet. Ob ich das alleine geschafft hätte? Vermutlich nicht.»

Bildung, soziale und berufliche Integration

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Mit Bildung sowie sozialer und beruflicher Integration von Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen befasst sich die Beratungsstelle Migration Co-Opera. Die Schwerpunkte der Alltagsarbeit liegen auf der sprachlichen, beruflichen und sozialen Integration.

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