Ein absolutes Glückserlebnis

"Es brauchte ziemlich Überwindung zu sagen, dass ich nicht zur Schule gegangen bin." Doch M.W. ist froh, diesen Schritt getan zu haben: "Der Unterricht hier ist eine grosse Chance für mich." M.W. ist Insasse der Justizvollzugsanstalt Realta im bündnerischen Cazis. Zwei Jahre lang verbüsst der 54-jährige Bündner hier eine Strafe im offenen
Vollzug. Wie in 27 anderen Justizvollzugsanstalten schweizweit haben auch die Insassen von Realta die Möglichkeit, einen halben Tag pro Woche Schulunterricht zu besuchen, vermittelt wird Basisbildung. Zuständig für den Unterricht ist die Fachstelle Bildung im Strafvollzug BiSt des SAH Zentralschweiz. 38 Lehrpersonen unterrichten derzeit
wöchentlich rund 500 Gefangene, die sich auf 108 Lerngruppen verteilen.
"Kurz nach dem Eintritt in Realta wurde ich von der Lehrperson über mein Interesse an der Bildung befragt. Nach vier Monaten konnte ich dann am Unterricht teilnehmen", erzählt M.W.. Zusammen mit der Lehrperson definierte er das Lernziel. "Mein Ziel ist, die deutsche Sprache einigermassen fehlerfrei zu lesen und zu schreiben", erzählt er.

M.W. gehört der ethnischen Minderheit der Jenischen an. Aufgewachsen ist er im Kanton Tessin. Dass seine Familie als Fahrende in immer anderen Gemeinden Halt machte, erschwerte einen regelmässigen Schulbesuch, nur drei Jahre war er insgesamt in der Primarschule. Und er ging nicht gerne hin: Mitschüler und Lehrer plagten und mobbten
ihn. "In der zweiten Klasse wartete die Lehrerin jeden Morgen an der Eingangstür auf mich, um mir ein Lineal übers Gesäss zu ziehen. Und meine Mitschülerinnen und Mitschüler liessen mich deutlich spüren, dass ich nicht dazugehöre." Unschöne Erfahrungen, die er und seine sechs Geschwister teilten.
M.W. ist mittlerweile selbst Vater von drei Kindern. "Heute achten wir Jenischen darauf, dass unsere Kinder zur Schule gehen. Sie sollen eine gute Bildung haben und einen Beruf erlernen." Seine Kinder haben alle drei eine Berufslehre gemacht – als Koch, als Kleinkinderzieherin und als Logistiker.

Bestmöglich vom Unterricht profitieren
Der Unterricht in Realta startet morgens um 7.30 Uhr. "Meine Lerngruppe besteht aus sechs Personen, der Jüngste ist 20, der Älteste 63", schildert M.W. Auf eine Stunde gemeinsame Allgemeinbildung folgt der individualisierte Unterricht. "Je nach Stand unseres Wissens gibt uns die Lehrperson anderes Lernmaterial", erzählt M.W. Er schätzt es sehr, wie gut er betreut wird. Seine Lieblingsfächer sind Deutsch, Geschichte und Politik. Der Schulunterricht hat seine sprachlichen Kenntnisse er weitert, er liest öfters, schaut nicht mehr nur Fernsehen, Allgemeinwissen interessiert ihn mehr als
früher. "Abends lese ich jetzt oft und setze mich mit der gegenwärtigen weltpolitischen Situation auseinander."

M.W. will bestmöglich vom Unterricht profitieren. Das Wissen, das er in Realta erwirbt, soll ihm nach Beendigung seiner Strafe draussen in der Freiheit nützen. "Nebst schulischem Wissen lerne ich hier auch, wie ich mit Menschen besser umgehen kann." Sein soziales Verhalten habe sich verändert. "Ich anerkenne nun auch Probleme anderer Menschen,
gehe offener auf sie zu."
Ein grosses Erfolgserlebnis für ihn war ein Brief, den er vor Kurzem an seine Mutter sandte. "Als ich das erste Mal einen einigermassen fehlerfreien Brief an sie schrieb – das war ein absolutes Glückserlebnis. Und meine Mutter hat sich sehr gefreut." Das motiviert ihn, weiterzumachen. Stolz erzählt er, dass die Lehrperson oft erstaunt sei, wie viel Durchhaltewillen er an den Tag lege. "Sie gibt einem immer das Gefühl, man mache alles
richtig – mit nur kleinen Fehlern."

Bild Strafanstalt Thorberg_Jahresbericht 2015

Bildung im Strafvollzug

Bild Strafanstalt Gmünden_Jahresbericht 2015

Bildung im Strafvollzug

Im Auftrag der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) führt das SAH Zentralschweiz das Angebot Bildung im Strafvollzug BiSt. Das Pilotprojekt, finanziert von der gemeinnützigen Drosos Stiftung, startete Mitte 2007 in sechs Anstalten in der Deutschschweiz. Ende 2015 wurde schweizweit in 28 Justizvollzugsanstalten Basisbildung für Gefangene angeboten. BiSt richtet sich an erwachsene Gefangene des Normal- und Massnahmenvollzugs sowie des vorzeitigen Vollzugs, die nicht (oder nicht mehr) über den Bildungsstand der Volksschule verfügen.

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