Eine Lehre für erwachsene Flüchtlinge

Die Mehrzahl der jugendlichen Schweizerinnen und Schweizer absolvieren nach neun Jahren obligatorischer Schulbildung eine Berufslehre. Nach zwei (EBA-Ausbildungen), drei oder vier Jahren (EFZ-Ausbildungen) folgt dann der Schritt ins selbstständige Berufsleben.

Anders ist das bei Flüchtlingspersonen. Sie benötigen Zeit, um das Bildungssystem der Schweiz und die hiesigen Bedingungen zu verstehen. Auch verfügen sie über keinerlei Schulzeugnisse der Schweiz. Somit ist es für mögliche Lehrbetriebe schwieriger, die Bewerbungen von Flüchtlingspersonen einzuschätzen. Manchmal sind die Sprachkenntnisse für einen Betrieb nicht ausreichend und die Person muss ihre Fähigkeiten anderweitig unter Beweis stellen – dazu braucht es ein persönliches Gespräch oder eine Schnupperlehre. Um die Motivation, einen bestimmten Beruf zu erlernen, unter Beweis zu stellen, eignen sich auch der Lehre vorgelagerte Praktika.

«Wer aus einer anderen Kultur kommt, wem unser System fremd ist und wer keine Beziehungen hat, für den oder die stellt die Lehrstellensuche eine hohe Herausforderung dar», weiss Christine Spychiger, Leiterin der Fachstelle Migration Co-Opera des SAH Zentralschweiz. «Wenn erwachsene Flüchtlinge jedoch Sprachkurse bis mindestens Niveau B1* absolviert haben, besitzen einige von ihnen intakte Chancen auf eine Lehrstelle.»

Von einer Mentorin oder einem Mentor profitieren
Im Kanton Luzern beauftragt die Dienststelle Asylund Flüchtlingswesen DAF das Schweizerische Arbeiterhilfswerk SAH Zentralschweiz mit der sprachlichen und beruflichen Integration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen ab 21 Jahren. Einige von ihnen können seit Anfang 2018 von einem neuen Angebot profitieren, in dem ein Mentor oder eine Mentorin sie bei der Lehrstellensuche unterstützt. Ein/-e Sozialarbeiter/-in des SAH Zentralschweiz begleitet die Tandems. «Nebst dem verlangten Deutschniveau sind Bedingungen für die Aufnahme ins Angebot, dass eine Potenzialabklärung bei der Berufsberatung erfolgt und der Berufswunsch mit einer Schnupperlehre überprüft worden ist», sagt Christine Spychiger. Durch die Begleitung eines mit den hiesigen Gegebenheiten vertrauten Mentors oder einer Mentorin, die für die Flüchtlingsperson einsteht und vielleicht sogar eigene Beziehungen einbringt, eröffnen sich Möglichkeiten zu weiteren Schnupperlehren, Praktika oder gar einer Lehrstelle. Und die/der Geflüchtete gewinnt an Selbstvertrauen.

Silvia Stucki engagiert sich beim SAH Zentralschweiz seit mehreren Jahren als Mentorin. Früher begleitete sie Jugendliche, seit Februar 2018 eine erwachsene
Flüchtlingsperson: den 27-jährigen Desbele Kesete. Sie erinnert sich gut: «Als ich Desbele kennenlernte, wurde mir klar: Da steht ein Mensch mit einer Fluchtgeschichte vor mir. Ich hatte grossen Respekt vor dieser Situation und wusste nicht, wie viel ich dazu fragen sollte.» Sie entschied sich dafür, vorerst nicht zu fragen, sondern sein Leben in der Schweiz zu thematisieren und einfach mit Desbele Kesete zusammen eine Lehrstelle zu suchen. «Ich nehme meine Verantwortung sehr ernst, möchte sorgfältig mit dieser Situation umgehen. Manchmal ergibt es sich im Gespräch wie von alleine und ich erfahre etwas aus seinem früheren Leben. Es sind fremde Welten, die hier aufeinandertreffen. Aber das Menschliche, das stimmt.» Silvia Stucki will dem Eritreer einen guten Start hier in der Schweiz ermöglichen – aber den Weg, den müsse Desbele Kesete alleine gehen. Die Mentorin kann ihm jedoch helfen, Hindernisse zu überwinden.

Berufswunsch Montageelektriker oder Sanitärinstallateur
Desbele Kesete ist ein fröhlicher und motivierter Mensch und er ist seiner Mentorin sehr dankbar für ihre Unterstützung. Die Potenzialabklärung in der Berufsberatung ergab, dass der Flüchtling die Voraussetzungen zur Ausbildung zum Montageelektriker oder zum Sanitärinstallateur mitbringt. «Meine erste Wahl war Montageelektriker», sagt er. Schnell durfte er erstmals schnuppern, die Rückmeldung auf Eignungstest und Gespräch war gut. Aber es war keine Lehrstelle fürs laufende Jahr mehr offen.

SAH PERLE Perspektive Lehre/Mentoring
Die zweite Schnupperlehre, diesmal als Sanitärinstallateur, absolvierte Desbele bei der Firma Zemp Sanitär in Luzern. Der Lehrstellenverantwortliche war vom Eritreer begeistert und entschied, ihm die noch offene Lehrstelle als Sanitärinstallateur zu geben. Nach Rücksprache mit der zuständigen Sozialarbeiterin des SAH Zentralschweiz unterzeichnete Desbele, begleitet von seiner Mentorin Silvia
Stucki, den Lehrvertrag.

Wenn Türen sich öffnen
Ein Idealfall, der schnell zum Erfolg führte. Silvia Stucki und Desbele Kesete haben von Anfang an gut miteinander gearbeitet. Wie Mentoren oder Mentorinnen ihre Mentees unterstützen, ist unterschiedlich. Die einen gehen direkt mit ihrem Schützling in Betrieben vorbei, andere melden sich telefonisch oder schriftlich – alles ist möglich. Das SAH Zentralschweiz stellt den Mentoren/ Mentee-Tandems Vorlagen für Bewerbungsunterlagen zur Verfügung, gibt Tipps und informiert über Best Practices. Auf diesen Grundlagen haben Silvia Stucki und Desbele Kesete zusammen Bewerbungsunterlagen – Lebenslauf und Musterbrief – erstellt. Die Mentorin suchte auf LENA, einer elektronischen Lehrstellen-Plattform, nach offenen Lehrstellen in Desbeles Wunschberufen und rief persönlich an. «Ich bin eine Art Türöffnerin für eine Flüchtlingsperson», erklärte sie jeweils – in den meisten Fällen hätten sich gute Gespräche ergeben. «In den Firmen ist man sehr offen, wenn die Lehrstellenverantwortlichen das Gefühl haben, dass da jemand ist, der vermittelt.» In einem weiteren Schritt stellte Desbele Kesete der Firma dann seine schriftlichen Bewerbungsunterlagen per E-Mail zu. Der Eritreer schätzt es sehr, wie Silvia Stucki ihn begleitet und unterstützt. «Wenn eine Flüchtlingsperson alleine eine Arbeit finden soll, ist das sehr schwierig. Bevor ich Silvia kennengelernt habe, hatte ich keine Chance. Es ist grossartig, wie sie mich unterstützt, auch jetzt in der Lehre.»

Wichtig, die Motivation zu behalten
Auch Mirnes Dervisevic engagiert sich als Mentor. Der 30-Jährige hat vor vielen Jahren selbst von der Unterstützung des SAH Zentralschweiz profitiert und hat inzwischen eine erfolgreiche Berufslaufbahn eingeschlagen. Warum er sich als Mentor bewarb, beschrieb er in einem Brief an Christine Spychiger so: «Ich würde gerne Ihnen behilflich sein, denn nur durch Ihre Hilfe und Unterstützung habe ich meine Motivation nie verloren und somit einen Einstieg in die Berufswelt geschafft. Ich bin Ihnen sehr dankbar für die tolle Unterstützung in meiner Jugendzeit und dies würde ich jetzt auch gerne zurückgeben und anderen Menschen helfen, damit sie ihr eigenes Leben gestalten können.»

Heute begleitet Mirnes Dervisevic den 32-jährigen Eritreer Tesfalem Z. bei dessen Lehrstellensuche. Im Vergleich mit Desbele Kesete hat Tesfalem Z. etwas mehr Mühe, eine Lehrstelle zu finden. Sein Wunschberuf ist Logistiker – in einem ersten Schritt strebt er die zweijährige berufliche Grundbildung EBA an. Mirnes Dervisevic hat mit Tesfalem Z. zusammen im SAH Infozentrum für Stellensuchende dessen Lebenslauf angepasst und ein paar Bewerbungsvorlagen kreiert. «Seine PC Kenntnisse waren zu Beginn gering. Inzwischen kann Tesfalem sich mit den gemeinsam erarbeiteten Vorlagen selbstständig bewerben. Nur wenn es um Online-Bewerbungen geht, braucht er meine Hilfe noch.» Tesfalem legt seinen Bewerbungen jeweils ein Schreiben seines Mentors bei. In diesem stellt Mirnes Dervisevic sich vor und erklärt, dass er den Eritreer als Mentor bei der Lehrstellensuche unterstütze und jederzeit gerne für Fragen des Lehrbetriebs zur Verfügung stehe. «Später fasse ich telefonisch nach, um zu klären, ob noch Lehrstellen offen sind. 40 bis 50 Telefonate habe ich bislang geführt.»

Unsicherheit seitens der Lehrbetriebe
Wenn Mirnes Dervisevic Lehrfirmen anruft, werden ihm oft ähnliche Fragen gestellt, etwa: «Kann ihr Mentee überhaupt Deutsch?». Oder man fragt nach den Schulzeugnissen, der schulische Stand ist den Lehrlingsverantwortlichen wichtig. Vielfach befürchten diese nämlich, dass das vorhandene schulische Wissen nicht ausreichend ist für eine Lehre in der Schweiz. Ganz unbegründet ist diese Angst nicht. Jedoch können die über das SAH Zentralschweiz vermittelten Lehrlinge von verschiedenen Seiten auf Unterstützung zählen, gezielte schulische Förderung etwa durch FuturX oder Studierende der Pädagogischen Hochschule. Unsicherheit werde auch spürbar in der Frage, ob der künftige Lehrling denn während seiner Ausbildung auf sich allein gestellt sei oder wer ihn begleite, erzählt Mirnes Dervisevic weiter. Er spüre jeweils die Erleichterung, wenn er erkläre, dass er Tesfalem auch während der Lehrzeit begleiten werde. Dazu sind er – und auch Silvia Stucki, die Mentorin von Desbele Kesete – fest entschlossen, auch wenn die offizielle Begleitung im Rahmen des SAH Angebots abgelaufen sein wird. Denn längst verbindet die Mentorin und den Mentor mit ihren Mentees eine besondere Form von Freundschaft.

Als Mentor oder Mentorin engagieren sich Frauen und Männer zwischen 25 und 70 Jahren. Sie alle bringen unterschiedliche Lebensentwürfe mit. Wichtig ist, dass sie gerne für eine Flüchtlingsperson lobbyieren möchen, sich gerne vernetzen und keine Mühe dabei haben, potenzielle Lehrbetriebe zu kontaktieren. Ein Mentorat im Rahmen des Angebots SAH PERLE Perspektive Lehre/ Mentoring dauert sechs bis 18 Monate, Treffen sollten in einem Zweiwochenrhythmus erfolgen.

Weitere Geschichten

  • Neues kreieren - Innovationsworkshop des Restaurants Libelle. - Zur Geschichte
  • Tagesstruktur und Austausch - Wichtige Schritte auf dem Weg zur Integration. - Zur Geschichte
  • Endlich arbeiten - Lange dauerte die Suche nach einer Festanstellung. - Zur Geschichte
  • Zurück ins normale Leben - Berufliche Integration. - Zur Geschichte
  • Zufrieden mit meiner Arbeit - Integration und Vernetzung. - Zur Geschichte
  • Ein absolutes Glückserlebnis - Bildung im Strafvollzug. - Zur Geschichte
  • Neue Perspektive durch Umschulung - Berufliche Integration. - Zur Geschichte
  • Supported Employment - Zur Geschichte
  • Glücklich, wieder auf eigenen Füssen zu stehen - Zur Geschichte
  • Der Rekrutierungsprozess in Zeiten der Digitalisierung - Zur Geschichte